Stimmen, die bleiben: Zum Tod des Sinto-Zeitzeugen Hermann „Mano“ Höllenreiner
Ein Nachruf der Bundesvereinigung der Sinti & Roma in Deutschland
von Alexander Diepold, BVSR-Vorsitzender
Mit tiefer Trauer nimmt die Bundesvereinigung der Sinti & Roma in Deutschland Abschied von Hermann „Mano“ Höllenreiner.Nach jahrelanger, schwerer Krankheit verstarb „Mano“ am 16. Oktober 2026 im Alter von 92 Jahren in Mühldorf am Inn. Er schlief friedlich im Kreise seiner Familie ein, nachdem er bis zuletzt von seiner Ehefrau Else und seiner Tochter Carol liebevoll zu Hause gepflegt worden war.
Der deutsche Sinto, Holocaustüberlebende war ein unermüdlicher Mahner gegen das Vergessen. Mit ihm verlieren wir einen der letzten Überlebenden der Familie Höllenreiner, einen zentralen Zeitzeugen des nationalsozialistischen Völkermords und einen Menschen, der sein Leben der Aufklärung gewidmet hat.
Für mich als Vorsitzenden der Bundesvereinigung war Mano Höllenreiner weit mehr als ein geschätzter Mitstreiter. Zwischen uns und unseren Familien bestand eine langjährige, tiefe Freundschaft. Dieser Abschied ist daher nicht nur der Verlust einer bedeutenden Persönlichkeit unserer Minderheit, sondern auch der schmerzliche Verlust eines treuen Freundes.
Mano Höllenreiners Lebensweg steht beispielhaft für das unermessliche Leid, das den Sinti und Roma während der NS-Gewaltherrschaft zugefügt wurde. Als Neunjähriger wurde er aus seinem Leben gerissen und überlebte Auschwitz sowie weitere Konzentrationslager. Seine Geschichte erzählt von geraubter Kindheit, aber auch von der Kraft des Überlebens. Einem breiteren Publikum wurde sein Schicksal durch Anja Tuckermanns Buch „Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war“ zugänglich. Seine Biografie gab dem historischen Geschehen ein Gesicht und eine Stimme.
Aus dem erlittenen Unrecht leitete Mano Höllenreiner eine Verpflichtung für die Zukunft ab. Bis ins hohe Alter trat er trotz seiner schweren Erkrankung als Zeitzeuge in Schulen auf, um jungen Menschen zu vermitteln, wohin Rassismus und Ausgrenzung führen. Sein Engagement galt ebenso der Gegenwart: Mit Nachdruck forderte er, dass die Geschichte der Sinti und Roma als größte nationale Minderheit endlich ihren festen Platz in den Schulbüchern erhalte. Sein Wirken war ein unermüdlicher Kampf gegen Antiziganismus.
Es ist zutiefst schmerzlich, ihn gehen lassen zu müssen. Doch bei aller Trauer dürfen wir Trost in dem Gedanken finden, dass seine jahrelangen, schweren Leiden nun ein Ende haben und er die verdiente Ruhe findet.
Mit seinem Tod verstummt eine weitere persönliche Stimme der Überlebenden. Umso größer ist nun unsere Verantwortung, sein Zeugnis zu bewahren und seinen Auftrag fortzuführen: die Wahrheit zu schützen, die Würde der Opfer zu bewahren und dafür einzutreten, dass sich Verfolgung niemals wiederholt.
Unser ganzes Herz und Mitgefühl sind in diesen schweren Tagen bei seiner Familie und seinen Angehörigen. Wir teilen euren großen Schmerz und wissen, was für eine unersetzbare Lücke Mano in eurem Leben hinterlässt. Die gemeinsame Zeit, die vielen Gespräche und die tiefe Verbundenheit mit Mano und euch allen werden für uns immer ein unschätzbar wertvolles Geschenk bleiben. Ihr seid in eurer Trauer nicht allein.
Wir werden sein Andenken in Ehren halten.In Dankbarkeit für sein Lebenswerk, in tiefer Trauer um einen Freund und in ehrendem Gedenken nehmen wir Abschied von Mano Höllenreiner.
Möge er in Frieden ruhen.
Bundesvereinigung Sinti und Roma Deutschland (BVSR)
Im Namen des Vorsitzenden und der angeschlossenen Organisation.
Das Wirken von Hermann „Mano“ Höllenreiner in den letzten Jahren
2019 – Gedenken im Bayerischen Landtag: Beim offiziellen Holocaust-Gedenkakt verlas seine Ehefrau Else seine bewegenden Erinnerungen. Seine Kernbotschaft war deutlich: Sinti und Roma sind fester Bestandteil der deutschen Geschichte und Kultur. Er zeigte sich tief bewegt darüber, dass diese Geschichte mittlerweile in den Schulen vermittelt wird (siehe den Bericht zum Holocaust-Gedenkakt im Bayerischen Landtag).
2020 – 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing den Zeitzeugen im Schloss Bellevue und reiste gemeinsam mit ihm und weiteren Überlebenden zur Gedenkzeremonie nach Auschwitz. Dies würdigte die herausragende Bedeutung seines persönlichen Lebenszeugnisses (Details dazu auf der Seite der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas).
2024 – Zeitzeugendokumentation „Zeuge der Zeit“: Der Bayerische Rundfunk veröffentlichte ein intensives und ausführliches Interview mit ihm. Höllenreiner sprach darin eindringlich über seine Deportation, die KZ-Haft, traumatische Nachwirkungen sowie über die fortgesetzte Diskriminierung nach 1945 (nachzulesen im BR-Klassik Programm und dokumentiert im BR-Klassik Video-Portal).
Erinnerungsarbeit in Mühldorf am Inn: Auch an seinem langjährigen Wohnort setzte er sich unermüdlich für die Aufarbeitung der regionalen NS-Verbrechen ein. Sein Wirken war ein beständiger, aktiver Kampf gegen das Vergessen und gegen fortbestehende antiziganistische Vorurteile.



